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Wir sind… Toilettenkritzler?

Endlich wieder einmal ein “Lebenszeichen” der Du bist Deutschland – Kampagne, die sich, ganz gleich, wie fragwürdig und diskutabel sie inhaltlich ist, immer mehr zu einem unterhaltsamen Dauerbrenner entwickelt, der uns einige interessante Aspekte im Umgang mit Medien und Meinungsfreiheit aufzuzeigen beginnt. Mit Jean-Remy von Matt hat sich jetzt einer der Mitbetreiber der Agentur hinter D.b.D. zu deutlichen Stellungnahmen hinreißen lassen, was die “öffentliche”, zu einem nicht unbeträchtlichen Teil von Weblogs getragene Kritik an der Aktion betrifft. Die Antwort folgt prompt und ebenso deutlich. Ansonsten bringt es der schockwellenreiter auf den Punkt:

Also Herr Cognac von Dingsbums, die Berechtigung, ungefragt meine Meinung abzusondern, beziehe ich aus dem Grundgesetz. Lernt man vielleicht heute im Du-bist-Deutschland-Country nicht mehr, haben sie aber vielleicht schon einmal von gehört.

Den vollen Text von Mr. von Matt findet man übrigens hier, meine persönliche Lieblings-Passage:


3. Von den intellektuellen Journalisten von FAZ bis TAZ, die ihre Meinung zwar insofern gefragt absondern als sie eine nachweisbare Leserschaft haben, aber: “Den Höhepunkt an Zynismus gewinnt die Kampagne aber in dem Fernsehspot, der Schwule und Behinderte auf dem Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals versammelt” (Die Zeit).

Blöd, wenn man soviel Kopf hat, dass einem jedes Bauchgefühl verloren gegangen ist.

Genau. Wo kommen wir auch hin, wenn jeder unbedarfte Grübler imstande und “befugt” ist, kopflastige Kritik zu Dingen abzugeben, an denen er sich im Alltagsleben stört? Wir sind schließlich Deutschland, und Deutschland steht nunmal in jüngerer Vergangenheit weniger für ein Land der, ähem, Dichter und Denker, sondern eher für ein Land von glänzenden Oberflächlichkeiten (wie die von Herrn von Matt angeführten “30 Promis der ersten Liga”) und pathetischen, aber leeren Sprüchen angesichts gesellschaftlicher Veränderungen, die die Zeit mit sich bringt und vor denen wir lieber die Augen verschließen, als uns kritisch und konstruktiv mit ihnen auseinanderzusetzen. Und dort paßt die Kampagne und der Spot dazu schließlich wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge des Kritikers… Herr Schmidt sieht’s ähnlich, indem er die Stellungnahme kommentiert:

Wenn das stimmt, dann ist es die passende Denke zur Rhetorik.

Oder Frau Bleyer, die auf meonly.de konstatiert:

Also noch mal zum Mitschreiben, Herr Jean-Remy von Matt: Wenn Ihre “größte gemeinnützige Kampagne aller Zeiten” beim Zielpublikum nicht so ankommt, wie Sie das beabsichtigt haben, dann liegt der Fehler nicht beim Zielpublikum.

Kann man eigentlich nicht viel mehr dazu sagen.

Nachtrag: Kann man offensichtlich doch, zumindest hat sich, laut handelsblatt-Blog, der mit seinem Schreiben ordentlich in Mißkredit geratene Marketing-Mann erneut zu Wort gemeldet. An ein paar Stellen hat er recht, und trotzdem finde ich folgendes zumindest interessant:

Auch wenn die meiste Kritik an meinem Text konstruktiv und ernsthaft war, empfinde ich es als kommunikativen Hausfriedensbruch, dass eine interne Mail wie eine Sau durchs Dorf „Kleinbloggersheim“ getrieben wird.

Sollte es neben der Freiheit, eine Meinung zu verbreiten, nicht auch die Freiheit geben, eine Meinung nicht verbreitet zu wissen? Gilt beim Artikel fünf des Grundgesetzes nur Absatz eins, der das Recht auf Meinungsfreiheit definiert, und nicht Absatz zwei, der dieses Recht einschränkt, wenn die persönliche Ehre verletzt wird?

Messen wir dort ein wenig mit zweierlei Maß? Die Verletzung der persönlichen Ehre durch die Verbreitung der Meinung eines Einzelnen, der es sich nicht nehmen läßt, gleich in großem Stil eine ganze Reihe von denkenden, schreibenden, aktiven Menschen (vom Hobby-Blogger bis zum ernsthaften Journalisten) zu “Schmierern an einer virtuellen Toilettenwand” zu degradieren? Eigenartiger Ansatz, dieses. Zudem…

Die Klowand-Debatte erinnert mich übrigens an Münteferings Heuschrecken-Debatte: In beiden Fällen gab es Kritik, dass ein Sachverhalt mit einem plakativen Bild unzulässig verallgemeinert wurde.

Die Heuschrecken waren ein Symbol für das Abgrasen und Weiterziehen. Die Klowände sind ein Symbol für das Anpinkeln und Verpissen – für Meinungsäußerung im Schutz der Anonymität.

… im Hinblick auf oben: Warum dann die Kritik an der Veröffentlichung eines (internen?) Textes, der seine ganz spezielle Meinung transportiert? Warum nicht ein offener, ehrlicher, grundlegenden Umgangsformen genügender Brief an die, ähem, Bloggerschaft dieses Landes, um eine sachliche Diskussion in Gang zu bringen? Fehlt dem guten Mann der Schneid, zu seinen Gedanken auch öffentlich zu stehen? Eigenartig…

24. Januar 2006

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