Spuren im Schnee

Spuren im Schnee

Bislang habe ich noch nie über Schnee geschrieben… Die ersten zwei Monate im zweiten Jahr des “neuen Normal” sind verstrichen, und es war wieder einmal Winter wie seit zehn Jahren nicht mehr. Nicht nur jener halbherzige Winter der näheren Vergangenheit, der mit zwei Schneeflocken an zwei Tagen Anflüge von Chaos auf den Stadtstraßen verbreitet hat, sondern richtiger Winter. Kindheitswinter. Tiefer Schnee, tiefe Temperaturen. Fensterlange Eiszapfen in den Schneefängen. Überfrorene Bürgersteige. Kinder mit Schlitten auf Elbwiesen, die trotzdem über Tage das Weiß über der grünbraunen Erde hielten. Schnee in dicken, behäbigen Flocken, die zwischen den Häusern nach unten schweben. Feiner, dichter Schnee, eher Nebel, der vor den Augen rauscht und flimmert. Harter Schnee in starkem Wind, waagerecht, der im Gesicht sticht und bis tief durch die Kleidung dringt. Und klirrend-klare Tage, Sonne auf den Dächern gegenüber, blendendes Weiß. Dazu Dämmerung, Mittag, Nacht. Wechsel von Wetter und Tageszeiten vor den Fenstern des Heim-Büros. Das neue Normal, wie gesagt. Für ein paar Tage in diesem jungen Jahr verschwinden Autos, Straßen, die prägenden Themen dieser Zeit unter einem dichten weichen Weiß, wird die Welt da draußen ein klein wenig stiller. Es gibt wohl Schlimmeres in diesen lauten Tagen.

Inmitten der neuen und alten Lockdowns bleibt das Ritual des Laufens. Laufen durch die Stadt, in kurzen Auszeiten. Urlaub fernab der Insel, weil es die Umstände erfordern. So umrundet man Dresden, streift durch die Viertel, mit Schnee auf den Haaren und Winter in den Gliedern. Nach dem Alltag zieht man noch einmal durch die dunklen Straßen, genießt den Umstand, dass, wenn auch langsam, die Tage wieder etwas länger werden und, inmitten des Schnees, insgesamt mehr Licht haben. Dresdner Altstadt, alter Büroweg – ein Jahr nach 18 Jahren später werden Erinnerungen wieder wach. Manchmal fühlen sich Entscheidungen unwirklich an, manchmal vermisst man noch immer Menschen, gegen die man sich entschieden hat, auch wenn letztlich der neue Alltag wieder und wieder zeigt, dass der Weg so besser ist. Die Tage sind voll und intensiv, die Wochen verstreichen noch schneller als vorher. Man beginnt früh und endet spät, manchmal in kurzer Meditation verloren in dem Unterfangen, alles eines Tages zu rekapitulieren und einen roten Faden zurück zum Morgen zu verfolgen. Man etabliert willkürliche Trennungen, um den Tagen in der Wohnung Unterschiede anzuheften – guter Kaffee aus der French Press am Wochenende, Instant-Kaffee an Büro-Tagen. Man rückt, konzentrierter als jemals zuvor, Blöcke in einem Kalender und das Headset auf den Ohren zurecht, jongliert mit verschiedenen Themen gleichzeitig, schreibt Text und Code und kommuniziert mit der Souveränität des Balancierenden auf dem Drahtseil, hoch über einer nebligen Schlucht (manchmal fröstelt es einen, hält man inne und denkt über Ort, Position und Bewegung nach). Und man bringt sich immer wieder das Privileg ins Bewußtsein, diesen Modus immer noch aufrecht erhalten zu können. Hofft, dass es so bleiben möge. Hofft für alle anderen, mit denen die Zeit härter und rücksichtsloser umspringt. Und verzweifelt dann und wann ob der eigenen Handlungsunfähigkeit in sperrigen Tagen. Es ist schwierig, nur zu hoffen und zu warten.

In all diesem Treiben: Perseverance landet auf dem Mars. Ich habe Teile der Landung mitverfolgt (mit gewissem Interesse, aber ohne große Leidenschaft), ebenso wie Teile der Berichterstattung danach. Kopfschütteln und Schulterzucken als Summe der Reaktionen. Astronomie stand immer eher als Träumerei denn als ernsthaftes inhaltliches Thema auf der Liste meiner Interessen, wie auch Technik-Optimismus und Space-Age-Fantasie meine Jugendjahre begleitet hat. Aber jugendliche Träumerei und so etwas wie intergalaktische Sehnsucht sind wohl auch ein Beweggrund. Ein kleiner Schritt für Einzelne, ein großer für die Menschheit – oder doch eher sinnlose Prestige-Projekte, verantwortungsloses Verbrennen von Geld, das man in sehr irdischen Problemen sehr viel sinnvoller hätte einsetzen können? Menschlichere Utopien sind die eine Seite der Medaille, die Tendenz, ganz im Sinne der Empörungs-Ökonomie genüsslich und mit scharfen Worten den Fokus stets auf das Negative allen Seins und Tuns zu legen, ist die andere. Aber vermutlich ist der Trieb des Meinungsstammes, der Reiz des nächsten “absolut unfassbaren Skandals” viel zu groß, als dass sich ihm wirklich widerstehen ließe – im Weltraum ebenso wie auch in allen irdischen Angelegenheiten.

Apropos Skandal: WhatsApp hat mir im jungen Jahr mit der angekündigten Änderung der Nutzungsbedingungen endlich einen Grund gegeben, mich dieses Werkzeugs wieder zu entledigen – mit Erleichterung und schlechtem Gewissen in etwa gleichem Maße. Erleichterung, weil jede datenschutzsensible Reflektion des Werkzeugs schon immer wie ein Stein im Magen lag. Und trotzdem schlechtes Gewissen: Allgemeine Verbreitung, Messenger als “Protokolle” für die Kommunikation zwischen Menschen – und das Gefühl, anderen damit selbst eine Entscheidung aufzuzwingen, die vorrangig Eigennutz ist und die Welt für sie weder besser noch sicherer macht. Schlussendlich habe ich das Privileg, dass die Mehrzahl relevanter Kommunikation in meinem Fall ohnehin nie in WhatsApp stattfand und die Menge jener dort Verbliebenen in 2021 weit leichter zu bewegen war, Alternativen in Erwägung zu ziehen. Aber es funktioniert nicht bei allen, aus vielfältigen Gründen. Und bei den anderen Facebook-Diensten ist das auch für mich schwieriger: Zu sehr haben diese Plattformen mittlerweile die Art und Weise gestaltet, wie vor allem gänzlich technikferne “Normal”-Nutzer digitale Werkzeuge und das Internet für Kommunikation, Austausch, Unterhaltung, Zusammenarbeit nutzen. Und auch wenn ein bestimmter Kreis nicht müde wird, das Gegenteil zu behaupten: Richtige Alternativen, die diese Werkzeuge sofort ersetzen könnten, existieren faktisch nicht. Mindestens die Anforderung, darüber eine bestimmte Zielgruppe leicht zu erreichen, erfüllt keine der offenen oder geschlossenen alternativen Lösungen. Der Selbstversuch, etwa pixelfed Endnutzern als Ersatz für Instagram zu empfehlen, scheitert in der Realität an einer Myriade von kleinen und großen Hürden, die weit über das Problembild “Bequemlichkeit verwöhnter Anwender” hinausgehen, selbst wenn man den Haupt-Kritikpunkte einer fast völlig fehlenden Nutzerbasis und fehlender Möglichkeit, bereits bekannte Kontakte leicht wiederzufinden, für den Moment ausklammert. Kaum überraschend, wenn man antritt, eine von Enthusiasten und Hobbyisten entwickelte Software zu vergleichen mit dem Service-Angebot eines globalen, mit Geld und Ressourcen in Hülle und Fülle ausgestatteten Großkonzerns. Aber eben trotzdem schwierig – weil der Vorwurf an Endnutzer, in “Bequemlichkeit” auf Bekanntem zu beharren, diese alternativen Plattformen (deren Ansinnen und Ziel aus vielen Gründen dringlich scheint) letztlich auch nicht besser macht, nicht weiter voranbringt.

Vielleicht ist es auch egal. In dunkleren Momenten habe ich mehr als nur manchmal den Eindruck, die Frage der Dominanz in der digitalen Welt könnte längst entschieden sein – sowohl weil nach wie vor jegliche Form effektiver Regulierung fehlt, die Monopolen und sonstigem unethischen Treiben Einhalt geböte, als auch weil die Opponenten, die inhaltlich und fachlich einen Gegenpol bilden könnten, in sich viel zu verspielt, verstritten, technikfokussiert sind, als dass sie als Einheit solche Themen angehen können. Wer ein Beispiel dafür möchte, ist eingeladen, in den einschlägigen Kanälen die Diskussion um Matrix und XMPP als WhatsApp-Alternativen zu durchtauchen – und dann zu prüfen, wie viele der eigenen Kontakte aus den großen Messengern über eine dieser Alternativen wohl schon erreichbar sind oder auch nur schon davon gehört haben. Ich komme aus dem klassischen Internet von damals. Ich bin irgendwann zu Flickr, dann zu Facebook und Instagram gezogen entlang von und zusammen mit Communities und Menschen, die mir wichtig waren. Menschen aus allen Teilen des Netzes, die Inhalten und Kommunikation letztlich mehr Wert beigemessen haben als Technologien und Tools, die irgendwann die Werkzeuge der alten Welt, all die Blogs, Newsfeeds, Web-Foren, Mailing-Listen, Newsgroups hinter sich gelassen und Dinge gewählt haben, die die logische Nachfolge zu sein schienen: Verfügbar, gratis, leistungsfähig, niederschwellig – und dadurch imstande, Menschen zu erreichen, die solche Werkzeuge vorher nie erreichen konnten, die online keinen Platz und keine Handlungsmöglichkeiten hatten. Wir haben verschlafen, wie große Dienste in der Breite Menschen digitalisiert haben und zu nie gekannten Monopolen jenseits der kühnsten Vorstellungen aller dystopischen Romane wurden.. Und wir verschlafen immer noch jede Möglichkeit, daran merklich etwas zu ändern, und sei es in kleinen Schritten. Sicher, ich weiß: Ich wiederhole mich. Es wird nicht besser. Das Thema ändert sich indes auch nicht, es wird auch nicht leichter zu akzeptieren.

Dort mutet die Freude, sich zumindest eines grenzwertigen Dienstes (Spotify) bislang zugunsten vermeintlich ethischerer Lösungen verweigert zu haben, eher fad an, auch wenn Musik immer wieder die Tage färbt und prägt, von der ersten bis zur letzten Dämmerung. Hier wieder: Zwei Monate, die Erkenntnis, wie sehr Musik am Wetter und an der Jahreszeit hängt. Paul Minesweepers “Last Frontier” , “Winter Pathways” von Mount Shrine, “Out Of Time” von Halgrath prägen wie ähnliche Werke in anderen Jahren die kalten, dunklen Tage: Rituelle Ambient-Klänge, vielschichtig und dicht, zu sehr, um in sinnvollen Adjektiven beschrieben zu werden. Dann Elektronik, zum ersten #bandcampfriday im neuen Jahr: Der erste Sampler von Sestra (aus dem Umfeld von Minuit Machine / Hante). madwoman. Years Of Denial. Nun ja, und mit wärmerem Wetter schleichen sich Philipp Boa und Ghum in die Kopfhörer, die es hier schon gab und deren “2020 Lockdown Edition” von “California” irgendwie auch warm im Kalten ist, Menschen Gesichter und Gesichtern ein Lächeln gibt. Vielleicht sieht 2021 ja auch irgendwann, irgendwo wieder einmal Konzerte, Musik auf der Bühne statt nur aus dem Stream. Aber wenn das bis dahin das Beste ist, wozu wir imstande sind, dann eben so. Zum “eben so” gehört übrigens auch in 2021 der “#bandcampfriday“,der zunächst bis Mai fortgesetzt wird. Kann man nicht oft genug schreiben. Final von dort noch Fractions. “Pleasure Frequency” bleibt hängen, wegen des Videos, wegen der Stimme von Zoe Zanias, und weil an dem Track eigentlich alles passt. Spiritual Techno? Wer weiß. Es funktioniert einfach.

Anderes Ritual neben der Musik: Der Rhythmus abendlichen Lesens, vor dem Schlafen. Der Versuch, zwischen Bildschirm und Träume noch etwas Zeit zu finden für Beschäftigung ohne Elektronik, und dafür, den kontinuierlich wachsenden Stapel zu lesender Werke etwas kleiner werden zu lassen. Und dann passiert genau das – nicht. Dann verliert man sich in Büchern, die man kennt und schätzt, die man irgendwann für sich entdeckt und die immer wieder den Weg in die Hände gefunden haben. Wilhelm Schmid. Vilém Flusser. Paul Auster. William Gibson. Ray Bradbury. In “Lange nach Mitternacht” habe ich als abgegriffenes Lesezeichen eine Zugfahrkarte gefunden, Chemnitz-Dresden, 19 Jahre alt, über die Zeit zwischen den Seiten eines der Bücher versteckt, das mich damals in der Bahn begleitet hat. An solchen Stellen gleiten die Blicke und Gedanken von den geschriebenen Worten ab in die Erinnerung, und das Buch wird nebensächlich. Manchmal schreibt man Stichpunkte dazu auf, die man dann irgendwo vergisst – damit auch die Erinnerung, wie oft man, über die Jahre, diesselben Momente in denselben Worten schon beschrieben hat. Was nicht geschrieben wird, wiederholt sich nicht. Was nicht geschrieben wird, muss niemand lesen.

Was sonst noch war…? Viele Bilder ohne Zusammenhang, in Fotos und Erinnerung. Die meisten eher ruhig: Erste Tulpen des Jahres auf sonnenbeschienenem Wohnzimmertisch. Einsame Taube auf dem Giebel gegenüber, in der Morgensonne vor blassblauem Himmel. Fußtiefe Reifenspuren in frischem Schnee an einem wattig-leisen, schon früh künstlich hellen Morgen. Regentropen auf Winterlingen an einem nebligen Morgen im Garten. Wenige Sterne links und rechts schwarzer Bäume, die über die Häuser in den dunklen Nachthimmel wachsen (und die man noch aus Zeiten kennt, zu denen man noch bequem ihre Spitzen mit der Hand berühren konnte). Weihnachtsdekoration an den Balkonen im Hinterhof, immer noch vorsichtig im Wind wiegend, dazu milde Luft und der Duft von Holzfeuern irgendwo im Viertel. Ein Gefühl irgendwo zwischen Advent und Weihnachtsmarkt, Maifeuer und frühen Halloween-Feiern in den Höfen, ein Gefühl von Zeit, die im Moment verstreicht, Tage, Monate, Jahreszeiten durcheinanderwirbelt und einen darüber im Unklaren lässt, wer für diese temporale Haltlosigkeit verantwortlich ist – die Eigenheiten dieser merkwürdigen Jahre oder der Umstand des eigenen Alterns inmitten einer sich immer schneller ändernden Welt. Vielleicht erfüllen Texte wie dieser (wieder viel zu lang) auch nur den rein egoistischen Zweck, für einen Moment innezuhalten und warten, bis man selbst sich wieder eingeholt hat, vielleicht haben sie das schon immer getan.. Dann wär’s wohl in Ordnung – und der ohnehin nicht haltbare Vorsatz, Struktur, Form und Länge dieser Seiten zu straffen, entbehrlich. In diesem Sinne: Danke allen, die es bis hierher geschafft haben. Bis später, haltet Euch wacker. 😉