Sommer in Verlängerung.

Sommer in Verlängerung.

Irgendwann ist es passiert: Sommer in Nachspielzeit. Oder: Durchwachsener Sommer, der auf den letzten Metern noch etwas mit Sonne, milden Tagen, blauen Himmeln versöhnen möchte? Vielleicht zählt nur die Wirkung. Wie jene der durchwachsenen Wochen auf den Garten, in dem nahezu alles, was wachsen und blühen kann, um ein Vielfaches größer, höher, grüner, bunter ist als im letzten Sommer. Es hat mehr geregnet als sonst. Die krümelige Erde war häufiger durchweicht, schlammig, angetan, in die Schuhe zu laufen und durch die Zehen zu quellen, als noch im vorangegangenen Jahr. Apfel- und Pfirsichbaum haben einige ihrer Früchte bis zur Reife getragen, ebenso verschiedene Beerensorten. Nicht alles hat gut funktioniert: Braunfäule in den Tomaten, und übervolle Pflaumenbäume, bei denen die Früchte teilweise noch an den Ästen in Tagen von “unreif” zu “überreif” bzw. “verdorben” fortgeschritten sind. Es hat trotzdem gereicht, Pflaumenmus zu fertigen, einige Kuchen zu backen, ein paar Kartoffeln für den Herbst zu sammeln. Es reicht, und es nötigt zur Demut, immer wieder, weil man weiß: Man ist nicht darauf angewiesen. Es würde nie und nimmer reichen, wäre das anders… Und so ist man, bleibt man dankbar, lässt die Sonnenblumen den Vögeln und Mäusen, gewöhnt sich an Igel und Waschbär im Garten und genießt seinen Teil von dem, was das anvertraute Grün zustande gebracht hat.

Mittlerweile geht der September in die zweite Hälfte. Langsam gewöhnt man sich an den Herbst. Langsam gewöhnt man sich an den Umstand, dass auch der Versuch des Erinnerns über zwei Monate letztlich die am nächsten liegenden Eindrücke am dominantesten sind. Sprich: Kühl-grauer Spätsommer. Wolken ohne Struktur, Bäume in leichtem Wind, Vögel auf den Häusern gegenüber. Vögel über den Dächern vor dem Fenster der Villa, nach dem Schritt aus dem Heimbüro. Versuch von Normalität, mehr oder weniger: Zurück ins Office, zumindest für drei Tage die Woche. Dabei ein sehr gespaltenes Gefühl: Corona, immer noch, Sorge vor den weiteren Wochen und letztlich der Krankheit, trotz Impfungen. Aber die Chance, wieder mehr unter Menschen zu sein. Weniger Produktivität, weil Pendeln, wenn auch kurz, in den Alltagsrhythmus zurückkehrt. Dafür mehr regelmäßige und schnelle Bewegung, zu Fuß oder mit dem Rad auf den Weg zur Arbeit, und wieder andere Eindrücke, unterwegs durch die erwachende Stadt. Mehr nichtformale Kommunikation mit den neuen Kollegen, von denen man bis davor noch nicht mal alle in persona gesehen hatte. Aber auch deutlicher die Erkenntnis, dass man letztlich neu angefangen hat (was sich im Home-Office mit Abstand gut verdrängen lässt). Dass Vertrauen, Vertrautheit, Gewöhnung noch jung sind, dass man noch keine lange gemeinsame Geschichte hat. Manchmal geht man für den Augenblick verloren in diesen Überlegungen, und immer merkt man, wie sehr einen erlebte Zeit, vertraute Kontakte, bekanntes Umfeld doch prägen. Und man hofft auf einen ruhigen Herbst, darauf, dass das kleine Stück zerbrechlicher Normalität noch etwas Bestand haben möge, vor allem auch für all jene, die in kritischen Berufen zugange sind, die nicht wieder an die Grenzen ihres Möglichen kommen sollten.

Dazwischen, davor zweiter Heimsommer, Urlaub ohne Ferne. Dafür Himmel über dem Garten, über erlaufbarer, leicht erfahrbarer Nähe. Wegpunkte auf der Landkarte, teilweise neu, teilweise wiederentdeckt, manche anders wahrgenommen in Tagen scheinbar permanenter Nachdenklichkeit. Etwa: Altenzella. Wuchtige Ruinen und Rituale, zu denen der spätere Alltag kaum noch Bezug hat? Einstmals heilige Orte, in denen über den Großteil der Geschichte Tiere gelebt haben und die nur notdürftig zur Erinnerung bewahrt werden? Rituelle Bauwerke, über die und aus denen jetzt Sträucher und Bäume wachsen? Spannende Frage: Was bleibt dereinst von unserer Epoche? Und wie lang ist “lang”? Selbst wenn man die Historie eines Klosters wie Altenzella überfliegt, sich die vergleichsweise kurze Zeit aktiven Betriebs, die lange Zeit des Verfalls vergegenwärtigt: All diese Epochen sind immer noch länger als ein Menschenleben dieser Tage, merklich länger als die Zeitspannen, in denen wir in unseren schnellen Ereignisketten zu denken, zu handeln, zu planen gewohnt sind. Und wir deuten mühselig die Zeichen jener Zeit, die als langsame Kunstwerke mit knappen Rohstoffen auf Papier gemalt, nicht geschrieben wurden. Aber immerhin tun wir das, können wir das. Wer könnte das in 600 oder mehr Jahren noch mit einer DVD, einem USB-Stick oder einem Stück Storage aus einem der Cloud-Rechenzentren tun? Wie können wir sichergehen, dass das, was von uns übrig bleibt, mehr ist als das Buchwissen, das wir auch nur zu treuen Händen übernommen haben von den Generationen vor uns, wir, die wir es teilweise schon 20..25 Jahre später nicht mehr schaffen, Daten von alten Speichermedien technisch (Gerätschaften) und dann logisch (Software) zu lesen? Muss das wichtig für uns sein, oder ist es gut, wie es ist, im Moment?

Anderer Ort, ähnliche Überlegungen: Ein Teil des Sommers, wie auch in den letzten Jahren regelmäßig: Familienzeit auf dem Land. Diesmal zwischen Sonne und Ernte, zwischen staubenden Feldern und schwerer Technik. Etwa: Fortschritt-Mähdrescher. Klobig. Langlebig. Diesel statt Strom, wenig Elektronik. Genau so alt wie die Traktoren aus dem gleichen Werk. Über 30 Jahre im Einsatz. Die Bauern reparieren, was eben kaputt geht, halbwegs selbst, und offensichtlich funktionieren die Maschinen immer noch. Dann wieder Gedanken an den eigenen Kombi, die irreparabel kaputte Steuereinheit, Innovations- und Lebenszyklen heutiger Technologie, und die Angstfrage vor Nachhaltigkeit: Wie werden sich Digitalisierung, E-Mobilität, Ladesäulen, “Mobilität on demand” auf diese Dimension auswirken? Werden wir es noch schaffen, Gerätschaften herzustellen, die zwei Jahrzehnte und mehr einigermaßen uneingeschränkt nutzbar überdauern? Oder wird Bereich für Bereich der Technologie der Beschleunigung zum Opfer fallen, die Dinge nach immer kürzerer Zeit entwertet? Dann habe ich wieder die Geschichten eines ehemaligen Kollegen im Ohr, dessen Verwandtschaft im ländlichen Russland lebt und auf Fahrzeuge wie den Lada Niva immer noch schwört: Keine Spielereien. Geringe Komplexität. Kein High-Tech-Fahrzeug mit Fernsteuerung per App oder In-Car-Entertainment. Sondern eine einfache, robuste Konstruktion, die man mit wenig Aufwand betrieben und notfalls auch mal merklich abseits menschlicher Behausungen repariert bekommt. In diesem Atemzug bin ich auch wieder einmal bei der “Clock Of The Long Now” hängengeblieben. Vielleicht wäre es nicht falsch, als Ingenieur die vier Anforderungen, die W. Daniel Hillis dem Konzept zugrundegelegt hat, allem Entwicklungs- und Design-Treiben zugrundezulegen … völlig ohne zu wissen, wie sich das bei Software, bei digitaler Technologie überhaupt jemals bewerkstelligen ließe. Erhaltung des Wissens unserer Zeit für eine ferne Zukunft. Wartbarkeit unserer Technologie und Werkzeuge über eine sehr lange Zeit. Das Klosterphänomen. Der Kreis schließt sich. Vielleicht täte es uns an vielen dieser Stellen gut, einen Schritt aus dem Getöse des alltäglichen Treibens zurück zu gehen und manche Fragen ruhiger, aber grundsätzlicher zu denken. Zu planen, langfristig. Und zu überlegen, was aus diesen Planungen folgt. Die chinesische Methode? Insgesamt mehr Planung, auch im Umgang mit den planetaren Ressourcen (einschließlich menschlicher Arbeitskraft und Zeit), u mit Knappem hauszuhalten und sinnlose Verschwendung zu verhindern. Schlecht wäre es vielleicht nicht.

Ferner: Wahlen 2021, unter anderem für den Bundestag. Eine anstrengende Zeit. Ich versuche mäßig erfolgreich, mir politische Positionen in größerem, öffentlichem Rahmen zu verkneifen, vorrangig weil das im Digitalen mehr denn je nutzlose Zeitverschwendung scheint. Zusammenfassend indes: Mir fällt es schwer, mich an einen Wahlkampf zu erinnern, der ähnlich widerwärtig gewesen wäre. Gern würde ich eine Partei oder Gruppierung wählen, die eint, statt zu entzweien. Eine Partei, die sich Mühe gibt, wieder Konsens und Gemeinsamkeit in einer heterogenen, diversen Bevölkerung (mit vielen verschiedenen Möglichkeiten und Lebensrealitäten) zu schaffen, statt ohnehin schon bestehende Spaltungen zu verhärten. Eine Partei, die willens ist, Menschen auf den verschiedenen Flughöhen und mit den verschiedenen Bedürfnissen abzuholen, statt (wohlmeinend, aber letztlich privilegienblind) davon auszugehen, dass die eigene Position offensichtlich und richtig, Widerspruch mindestens eine Folge von Dummheit und Bequemlichkeit, schlimmstenfalls pure Boshaftigkeit darstellt und in aller Härte “bekämpft” werden muss. Eine Partei, die Ausgleich und soziale Gerechtigkeit sucht, statt verschiedene Schwache gegeneinander auszuspielen. Schwierig, das alles. Und nebenher rennen die Anhänger der verschiedenen politischen Überzeugungen, bewerfen einander (bestenfalls nur) mit Dreck und lassen sich in ihren Echokammern für jeden mutmaßlichen “Treffer” feiern. Wir sind, in der Politik, und überall anders wohl auch, scheinbar verloren in einer Spirale von überbetonter Identität, Individualismus und Egoismus. Von “Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden” sind wir wohl mehr und mehr dazu übergegangen, stets uns selbst im Mittelpunkt zu sehen, alles andere um uns herum (was diesem Mittelpunkt auch nur scheinbar entgegensteht) als feindselig einzuordnen. Wir sind immer weniger außerstande, andere Meinungen zu tolerieren und uns sachlich damit auseinanderzusetzen, wenn sie unserem Weltbild auch nur in Nuancen widersprechen, und diese möglichen Nuancen werden immer kleiner. Gleichermaßen ist es genau das Verhalten, was wir allen anderen eher vorwerfen, als Parallelen zu uns selbst zu erkennen. Es sind Tage des Zorns allerorts, es frustriert, es beängstigt, und es ist schwer zu verstehen. Vor allem, weil es so viele Schieflagen, so endlos viele Baustellen gibt, die Zielstrebigkeit, gemeinsames Anpacken dringend erfordern würden: Weltpolitisches Chaos, zwei Jahrzehnte nach 9/11 als Schicksalsdatum(?) unserer Generation und in gewisser Weise Zeitenwende. Klimawandel. Pandemie. Überwachung. Hunger und Lebensmittelverschwendung. Globale und lokale Ungleichheit in einer Schere, die sich immer weiter öffnet. Diskutable Technikfolgenabschätzung zwischen Euphorie und Pessimismus. Und so weiter.

Apropos: Wir lesen, dass ProtonMail Ärger hat, weil die Herausgabe von Daten zur Verhaftung eines Klimaschutz-Aktivisten führte. Bitter. Aber auch wieder ärgerlich: In der Diskussion um zentrale oder dezentrale Dienste im Internet wird E-Mail immer gern und immer wieder als herausragendes Beispiel benannt, warum solche dezentralen Ansätze besser sind: Nicht ein zentraler Server, sondern viel individuelle Infrastruktur, bessere Datenhoheit, weniger Abhängigkeit von einzelnen Anbietern, potentiell weniger Risiko? Wir lesen andernorts:

“Email is unsafe and cannot be made safe. The tools we have today to encrypt email are badly flawed. Even if those flaws were fixed, email would remain unsafe. Its problems cannot plausibly be mitigated.”

Der gesamte Artikel ist durchweg lesenswert. Vielleicht sollten hier wir, die “Techies”, ein wenig mehr Sorgfalt walten lassen und überlegen, an welcher Stelle wir unsere eigenen Präferenzen (irgendwelche Server für irgendwelche Dienste zu hosten, weil wir das schon immer gern getan haben) ausspielen gegen Anforderungen, die sich dieser Tage an halbwegs robuste Kommunikationssysteme eigentlich stellen würden…? Aber das nur als knapper Exkurs. Noch ein Thema auf der Liste der Dinge, die im Internet nicht sinnvoll zu diskutieren sind, zumindest nicht in Kanälen öffentlicher Beteiligung und Sichtbarkeit. Noch ein Thema von Diskursen auf ungleicher Augenhöhe, von Privilegien und schwieriger, subjektiver Perspektive auf Werkzeuge.

Egal. Kein Monat ohne Musik, um Nachhallen und Ausklingen. Mit dem Herbst kommen wieder mehr Field Recordings, Ritual und Dark Ambient über meinen Horizont. “Samadhi” von Jagath (veröffentlicht über Black Mara, deren gesamtes Programm hier schon hin und wieder empfohlen wurde) lebt von akustischen Instrumenten, Schritten, Klang- und Geräuschbildern, metallischen Echos, gelegentlichen dunklen Stimmen, funktioniert bevorzugt nach Einbruck der Dunkelheit in diesen wieder kürzer werdenden Tagen. Gleiches gilt für Sphäre Sechs, deren Werke momentan via CryoChamber budget-freundlich zu bekommen sind und deren “Transient Lunar Phenomenon” mich schon seit einer Weile fasziniert. Nicht vergessen werden darf auch “Primordial Arcana” von Wolves In The Throne Room: Intensiv, dicht, schwer, für mich in vieler Hinsicht deutlich stärker als der Vorgänger “Thrice Woven”. Den Ausgleich, zumindest akustisch, bietet “Rhinestones” von HTRK (Grob-Einordnung “Gothic Folk”, sehr viel präziser bekomme ich es nicht hin) und “Calendar” von Motorama, der vielleicht besten Post-Punk-Bands dieser Tage, das schon einige Jahre an Alter und trotzdem die perfekte Stimmung hat für Tage, an denen es langsam trüber wird, die aber trotzdem den Sommer noch nicht ganz loslassen können. Es wird nicht langweilig, auch wenn sich der geänderte Tagesrhythmus auch auf die Zeit und Gewohnheit auswirkt, Musik zu hören.

Im gegenwärtigen Moment passt diese Musik gut, es ist später Abend und letzte Reste des Tagwerks finden ihren Abschluss. Ich habe es nicht geschafft, die Zeitspanne zwischen den Notizen an dieser Stelle merklich zu kürzen (oder deren Länge auf ein lesbares Maß einzukürzen). Und so bleibt auch in diesem Monat der Vorsatz, zusammen mit dem Wissen, viele Dinge der letzten Wochen vergessen oder irgendwo für später abgelegt zu haben, wo sie immer noch verharren und stauben. Es ist wohl in Ordnung, immer noch. Auch dass manche Gedanken ungeschrieben verloren gehen. Für andere findet sich bestimmt auch in Zukunft hier wieder ein Platz. Bis dahin… wie immer: Kommt gut durch die Zeit. 🙂️