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Lost in transit.
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Doppelmonat

Graue Wolken und Wind tragen den Sommer dieses unruhigen Jahres fort in den letzten Tagen des August. Die langen Ferien sind vorüber, die Läden des Viertels füllen sich mit Kindern und Familien, mit Körben voller Blöcken, Bleistiften, Schnellheftern. Dazwischen Abstand. Skeptische Blicke, Mund-Nasen-Schutz, Schulanfangstüten. Es passiert das Unvermeidliche: Zurück aus dem Urlaub, ein neues Schuljahr beginnt, das erste nach Corona. Einmal mehr der Tanz nach (vor?) dem Hammer, Balance zwischen Skepsis, Sorge, Hoffnung und versuchter Beschwichtigung – sei es sich selbst gegenüber. Was die nächsten Wochen bringen, werden wir sehen. Aber Hoffnung und Vorsicht schaden zumindest niemandem, Anstand und Abstand übrigens auch nicht.

Rückschau: Dem Juli fehlten Worte. Ausnahme von der Regel, Abweichung von Ritualen. Auszeit. Der Juli war Urlaub, anderers als sonst, aus Gründen. Zeit im Nahbereich. Weniger fremde Menschen, weniger Strecke. Mehr Ruhe, mehr Bücher. Das “Café der Existenzialisten” unter den Bäumen, dazu die Eindrücke des Gartenjahres. Natur, Veränderung Tag für Tag. Unter dem Flieder ist auch im Sommer durchgehend Schatten, auch während jener heißen Tage, an denen man direkte Sonne meidet, die Füße im Wasser läßt, bis sie schrumpelig werden. Alle Arten von Pflanzen wachsen, Ernte beginnt. Sonnenblumen schießen in die Höhe, bis sie die Laube überragen, bis einer der ersten kühleren, stärkeren August-Winde durch die Reihen geht und einkürzt. Jetzt beschäftigen sich die Vögel damit, Kerne aus den großen gelben Blüten zu picken. Es war nicht umsonst, nächstes Jahr auf ein Neues. Verschiedene Sträucher zerkratzen unerfahrene Arme heftig bei ersten zaghaften Versuchen eines Verjüngungsschnitts und lassen, wieder einmal, die Grenzen von Fertigkeiten, Wissen, Ausrüstung erkennen. Aber der Weg beginnt mit einem ersten Schritt, in diesem Fall einem Schritt auf Neuland – peinlich für den ergrauenden Jungen vom Land. Nun ja. Dazwischen bleiben kurze Ausflüge in näheres Umland. Und Momentaufnahmen: Trockenes, struppiges Gehölz auf Sandboden in der Abendsonne. Ein Duft, der an Kindheit, Ferienlager, einsame Landstriche in Mecklenburg erinnert. Hitze. Dörfer mit breiten, leeren Straßen, Hinweisen auf spielende Kinder und keiner Menschenseele weit und breit. Zwischen Braunkohle und Truppenübungsplatz ist irgendwo immer ein Baggersee. Worte und Fotos fangen die Stimmung nur schwer ein. Und für Filme ist der Kontakt zu oberflächlich, zu schnell vorbei. Irgendwo hinter der Autobahn liegt die Stadt, liegt Vertrautes, verblassen diese Augenblicke relativ schnell. Nur Fragmente bleiben zurück. Ich versuche mich an den Titel eines ganz bestimmten Buches zu erinnern, das im Gefühl hierzu zu passen scheint, und scheitere. Manchmal scheint es, jedes Jahr verteilte in seinem Verlauf eine weitere, ungleichmäßige Schicht über jene 365 Tage; ein dicker Film aus Bildern, Düften, Klängen, in denen Momente weiterleben und in die man manchmal hineinstolpert, manchmal bewußt eintritt.

Bewußtes Eintreten, bewußtes Handeln. Schnitt im August.. Der Sommer dieses Jahres war der Sommer eines Neubeginns. Neues berufliches Engagement, nach fast 18 intensiven Jahren. Lange Bedenkzeit, lange Zeit innerer Überwindung. Zwiespalt. Schlechtes Gewissen gegenüber jenen, die man zurücklässt. Schlechtes Gewissen mindestens sich selbst gegenüber, wenn man nicht irgendwann in seinem Tun konsequent sein, nicht mehr ab Montag frustriert durch die Woche gehen möchte. Überlegungen zu Wagemut, Zufriedenheit, Risiko, Undankbarkeit und verschiedenen anderen sperriger Begriffen. In der Rückschau sind fast zwei Jahrzehnte unglaublich lang, insbesondere wenn man die persönliche neben die allgemeine Zeitachse legt: Leben nach dem ausgebliebenen Y2K-Bug, in unmittelbarer Umgebung von 9/11 und allem, was folgte. Unsichere Tage schon damals. Erste Urlaube garantiert in Regionen mit Telefonanbindung oder Internet-Möglichkeit. Troubleshooting per Mobiltelefon von einer Burg am Garda-See, weil Storage irgendeines Servers vollgelaufen ist. Der Prepaid-Tarif beendet das Unterfangen jäh. Mobiles Internet, WLAN-Hotspots sind für Normalsterbliche noch ferne Zukunft. Gestern…

Ansonsten: Man lernt viel. Über Geschäft im Großen und im Kleinen. Über Kunden und Lieferanten und professionellen Umgang mit Leuten, mit denen einen sonst nichts verbindet. Über Kollegen, Freunde, Familie, und vor allem auch über sich selbst, seine Schwächen und seine Sicht auf die Welt. Das Meiste davon behält man, nimmt man mit. Man stellt sich auf neue Aufgaben, neue Herausforderungen, neue Menschen ein. Man lässt sich ein auf eine neue Kultur, neue Umgangsformen, neue Werte. Man schwankt dazwischen, “der Neue” zu sein und trotzdem mit einem Maß an Erfahrung als “Senior” zu kommen, an den merkliche Erwartungshaltungen gestellt werden. Man schwankt zwischen Motivation, Ehrgeiz, Hochstapler-Syndrom und Ehrlichkeit, bremst Euphorie zugunsten eines hoffentlich plausiblen Realismus. Spürt trotzdem, dass die Entscheidung richtig war: An dem Punkt, an dem Ehrlichkeit und Offenheit als Werkzeuge funktionieren, an dem man nicht den Selbstdarsteller geben muss, um sinnvoll arbeiten zu können. An dem Punkt, an dem man sich willkommen, gut aufgenommen, gut unterstützt und sinnvoller aufgehoben fühlt in den ersten Wochen als in den letzten Jahren davor – kein Sprung in kaltes Wasser. Und so versucht man, Kontakt zu den Menschen zu halten, die einem vertraut geworden sind über die Jahre, und trotzdem den Abstand zu gewinnen, den es braucht, um die Seite umblättern zu können, für sich selbst ruhiger zu sein. COVID und Home-Office halfen, menschlich loszulassen. Nach dem Bruch bleiben viele kleine Momente, die auf einen einströmen, weil plötzlich so viel anders ist: Anderer Stadtteil, andere Orte für die Mittagspause, andere Menschen beim Bäcker, vor wie hinter dem Tresen. Der Pflaumenkuchen schmeckt anders. Die Nachbarschaft entzieht sich immer noch der Einschätzung. Man ist der “Neue”, überall, kommt an, beginnt sich einzuleben…

(Und man schreibt “man” statt “ich”, weil es hilft, die Gedanken besser fassen und mehr Abstand zu eigenem Erlebten zu haben.)

Rand-Erkenntnis dabei, tägliche Beobachtung nach dem Schritt aus dem Home-Office zurück in ein neues Büro: Wenn man mehr seiner täglichen Strecke auf Radwegen zurücklegt, wird man zunehmend genervt von anderen Radfahrern. Nicht von allen. Aber von einer ausreichend großen Gruppe, die in verschiedenster Form rücksichtsloses Verhalten an den Tag legt und damit ohne Not das Klischee befeuert, Radfahrer seien eine Gefährdung für die Sicherheit auf den Straßen: Da sind die Kandidaten, die einem über lange Strecken hinterher- und dabei so eng auffahren, dass man schon glaubt, das Geräusch schleifender Reifen zu hören, erahnt, was passiert, sollte man bremsen müssen oder stürzen. Da sind jene, die an Ampeln die ganze Breite des Radwegs einnehmen, weil sie auf ihren Rädern tänzeln: Vor, zurück, links, rechts – Hauptsache, beide Füße bleiben auch im Stand auf den Pedalen und ohne Bodenkontakt. Da sind die Experten, die am langsam anfahrenden Pulk vor der umschaltenden Ampel mit Bogen über die rechte Pkw-Spur vorbeirasen, mitunter auch schimpfend und wütend gestikulierend – oder die Slalom durch die Wartenden üben – hier: Hauptsache, man kommt selbst ungebremst voran. Über das Ignorieren roter Ampeln, Fahren auf der falschen Seite, grenzwertiges Verhalten auf gemeinsam genutzten Rad- und Fußwegen brauchen wir gar nicht zu reden. Über den Vater in Rennradler-Outfit, der seine beiden Kinder (frühes Teenager-Alter) beredt dazu auffordert, sie müssten sich ihr Recht im Straßenverkehr einfordern und nehmen, auch nicht. Verteilungskonflikte im Verkehrsraum und bestenfalls diskutable Radwegsplanung an vielen Stellen sind leider nur allzu bekannte Probleme. Aber ich sehe gerade nicht, wie das durch rüdes Verhalten besser oder entspannter wird. Wir (als die Gruppe derer, die mit dem Fahrrad auch nur schnell und sicher ihre Wege zurücklegen möchte) täten gut daran, wieder Aggressivität gegen Aufmerksamkeit, Rechthaberei gegen Rücksicht zu tauschen… Anyway. Ich halte mich eben am Rand, schiebe notfalls auch mal ein Stück über den Bürgersteig. Es gibt Wichtigeres.

Musik, im Zweifelsfall… Wieder Bandcamp Friday, jeden Monat aufs Neue. Wieder ein paar neue, interessante Sachen im Player, und wieder eine neue Qualität: Home Office war im Wesentlichen Soundcloud und Streaming zur Arbeit. Arbeitsweg läßt wieder mehr Zeit, in Musik zu verschwinden. Zeit, die Playlists zu sortieren, Musik der letzten Monate durchzuhören, zu beobachten, wie sich Favoriten abzeichnen. Hängenbleiben aus 2020 und diesem Sommer werden Years Of Denial, NNHMN, Nordstaat Venom Prison, Sofia Portanet. Und SKEMER:

Quer durch die Genres, viel Elektronik, viel Lärm. Manchmal im Shuffle-Play über die Sammlung. Mittlerweile kann ich auch das Wort “Techno” aussprechen oder schreiben, ohne zusammenzuzucken, und habe eigentlich schon Jahren aufgehört, verstehen zu wollen, wovon abhängt, ob mich Musik erreicht oder nicht.

Neben den Playlists habe ich mein Smartphone wieder einmal aufgeräumt – zwischen versuchter Nachhaltigkeit und sportlichem Ehrgeiz, mein Moto G aus 2015 wirklich so lang zu nutzen, so lang es noch aus irgendwelchen Quellen Updates gibt. Gegenwärtiger Plan: Wozu braucht man Apps, wenn es ein mobiler Browser für viele Zwecke auch tut und das auf dem Desktop genau so passiert? Ferner: Lineage-Standard-Launcher, viele Benachrichtigungen deaktiviert, die verbleibenden Apps davon abgehalten, im Hintergrund Dinge zu tun. Ich bin gespannt, wie weit das trägt; bislang positivster Effekt war merklich mehr Speicherplatz für Fotos und Musik. Nach wie vor interessiert mich digitaler Minimalismus herzlich wenig, dafür ist das Wort viel zu verbrannt. Ist bewußtes Entscheiden Minimalismus? Wenn ja, dann scheinen wir ein Problem zu haben.

Ansonsten? Eine Menge unsortierter Kram. Wieder Minimalismus und die Kluft zwischen Stadt und Land; Politik und Lebensmodelle, die von einer ebenso lauten und selbstbewußten wie hinsichtlich ihrer Privilegien absolut nicht sensiblen Stadtbevölkerung vorgetragen werden und die sofort umfallen, sobald man sie einmal außerhalb der städtischen und vorstädtischen Lebensrealität anzuwenden versucht. Kaputte gesellschaftliche Diskurse, wohin man schaut, Diffamieren und Beschimpfen als Strategie zur Vermeidung von Argumentation immer mehr die Regel als die Ausnahme. Ist es bequemer so? Können wir nur noch schwarz und weiß, aber kein grau mehr? Ist niemand mehr imstande, tatsächlich andere Standpunkte zu akzeptieren und zu widerlegen? Dauert dieser Prozess zu lange? Vieles davon derzeit ist anstrengend, nervig und auch bitter: Wir haben vermutlich die besten technischen Möglichkeiten zu weitreichendem Gedankenaustausch in der bisherigen Menschheitsgeschichte, nur um zu zeigen, dass uns gänzlich andere Fähigkeiten fehlen.. Im gleichen Atemzug habe ich verstanden, weswegen mich Begrifflichkeiten wie “digitale Selbstverteidigung” so negativ berühren. Aber auch diese Diskussion, die ihre Nutzlosigkeit schon mehrfach unter Beweis gestellt hat, mag ich nicht mehr führen. Wieder: Check your privileges.

Mittlerweile ist schon wieder September. Die Sonnenuntergänge über dem Viertel werden früher. Manchmal hat die Zeit etwas von April, wenn man frühmorgens den eigenen Atem durch den Park treiben sieht und nachmittags auf dem Heimweg ohne Jacke schwitzt. Im Weg vom und zum Büro nimmt man diese Dinge wieder intensiver wahr, hat manchmal Zeit, die Gedanken zu ordnen. Es gäbe vermutlich noch viel mehr zu berichten. auszuformulieren, aufzuschreiben. Vielleicht im nächsten Monat. Vielleicht tun es auch gelegentliche Schnipsel, nur um jene Momente festzuhalten, die sich mit Worten besser greifen lassen als mit Bildern. We’ll see. Kommt gut durch den neuen Monat und bleibt … Ihr wißt schon.

2. September 2020

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